Aus der Reihe BERLIN_BRUTAL der aktuellen zitty 11/2004
Das Frühlingswetter fordert lautstark von mir, den Lunch heute draußen einzunehmen. Ich rufe beim Italiener an, erteile den Auftrag, eine Lasagne anzufertigen und stürme hinaus auf die Gehsteige. Oh ja, es ist wunderschön. Tief die gute Frühlingsluft einatmen. Hmmm, das riecht nach… nach… nein, lassen wir das. Ich atme ein wenig flacher und versuche, mich mehr auf die optischen Reize des Frühlings zu konzentrieren.
Ja doch, die liebevoll angepflockten Neuanpflanzungen am Straßenrand treiben aus, als gäbe es Preise zu gewinnen. Und wenn man den Kopf oben behält und die Baumkronen fixiert, geraten die stinkenden Häufchen unterschiedlichster Größen, Farben und Verwitterungszustände, die man zu Füßen der Bäumchen ablegen ließ, kaum ins Blickfeld.
Bratsch! Hach, wie dumm von mir. Einige Freunde der feuchten Schnauze lassen auch gerne mitten auf dem Gehweg verrichten. Weiß man doch. Mein Schuh schreit nach Säuberung. Während ich wackelig auf dem linken Bein stehend die braune Ekelmasse mit einem Stöckchen aus der Profilsohle meines rechten Schuhs herauspopele, murmele ich unvorsichtigerweise Vierbeiner-Verwünschungen. Der Punk mit den beiden leinenlosen Rottweilern hat es gehört und bleibt stehen. Kurze Momente der Furcht, aber angesichts meiner Lage packt ihn das Mitleid. Ich komme mit einer schweren Beleidigung davon.
Für die restliche Wegstrecke lasse ich den Frühling Frühling sein und beachte die altbewährten Sicherheitsregeln: Blick stur nach unten aufs Pflaster und alle anderen Reize ausschalten. Obwohl mich das Scannen der Kot-Kunstwerke bisweilen heftig Würgen macht, kann ich einen gewissen Grundappetit aufrechterhalten. Am Ziel verpatze ich dann leider doch noch alles. Ich gewähre einem gepiercten Solarent-Junkie Einblick in mein Unbehagen über das, was sein Hund gerade vor der Restaurantschwelle fallengelassen hat. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf Augenhöhe mit dem Haufen des Anstoßes. Aber der Fausthieb hat meinen Geruchssinn betäubt. Welch ein Glück.
Neben mir steht eine Dame, die auf mein Wiedererwachen gewartet hat. Sie sieht tief in meine noch trüben Augen: “Wat ick ihnen noch saahn wollte, junger Mann: Wer Tiere nich leiden kann”- lange rhetorische Pause – “der kann sich selbst och nich leiden. Denkense ma drüber nach!” – “Haben sie vielleicht Lust auf Lasagne?” ächze ich, aber sie ist schon weg.
© Matthias Sachau

